Das Märchen von der sauberen Luft

Quelle: https://www.topagrar.com/schwein/news/luftwaescher-nicht-effizient-9534298.html

Die enorme Geruchsbelästigung der bestehenden Schweinemastanlage bis vor wenigen Jahren ist vielen Stolpener Bürger in schlechter Erinnerung. Die Bedenken hinsichtlich der erneuten Geruchsbelästigung naheliegend. Die Ursache liegt in der unmittelbaren Nähe zur Stadt mit ca. 140m Abstand zur Wohnsiedlung Bahnhofsstraße. Selbst Anwohner des weiter entfernten Wohngebietes „Pfarrfelder“ (ca. 1000m) beklagten die starke Geruchsbelästigung der Anlage. 

Nachfolgend ausgewählte Zitate betroffener Bürger aus der Petition zum Thema Geruchsbelästigung:

 „Ich habe selbst vor einigen Jahren als die Anlage noch in Betrieb war in unmittelbarer Nähe gewohnt. Der Gestank war im normalen Zustand kaum auszuhalten. Wenn der Wind dann noch ungünstig stand war im Sommer bei höchsten Temperaturen an lüften nicht zu denken. Hat man doch mal die Fenster geöffnet und ist zum Einkaufen gefahren stank die ganze Wohnung unerträglich. Der Geruch zieht überall rein. Dazu kommt noch die immense Fliegenplage, zeitweise mussten wir täglich den Fliegenfänger wechseln und wir haben tgl. mindestens eine Kehrschaufel voll tot geklatscht. Deshalb sind wir dort auch weggezogen, obwohl es eine wirklich schöne und kinderfreundliche Umgebung ist. Aber es war nicht mehr zum Aushalten.“

„Es stinkt mir schon lange! Seit 1996 hoffen wir darauf, dass die Schweinerei da oben hinterm Bahnhof endlich aufhört – und nun das. Ich frage mich, wer den Verkauf abgewickelt hat und mit welchen Motiven, denn es ist ja seit langem bekannt, dass die Menschen hier im Umland keine Schweinemast vor der Haustür haben wollen. Hier werden Tatsachen geschaffen am Wohl der Menschen und Tiere vorbei, das ist nicht hinnehmbar und ich widerspreche solch einem Vorgehen vehement! Wozu diese völlig sinnlose Überproduktion von Billigfleisch?„

Die Nähe der Schweinemastanlage zu den Wohnsiedlungen ist eine Zumutung. Es stinkt! Damit die umliegenden Gemeinden, die den Gestank nicht direkt erleben dürfen auch noch etwas davon haben, wird die Gülle auf deren Feldern ausgebracht. Die Stadt wirbt für ihr neues Besiedlungsprojekt: „Wohnen am Fuße der Burg Stolpen“, es sollte wohl besser lauten „Wohnen am Rande der Schweinemastanlage“.

„Wir haben uns in Stolpen ein Grundstück gekauft, welches unweit dieser Anlage liegt. Im Sommer könnten wir unsere Terrasse nie nutzen aufgrund von starkem Gestank und Lärm. Leider hatte uns niemand im Vorfeld darüber informiert. Wir ziehen aus der Stadt aufs Land um Ruhe zu habe.“

„Es stinkt jetzt so schon genug. Muss ja nicht wieder wie zu DDR-Zeiten werden. Gesundheitliche Bedenken, wann läuft das nächste Mal Gülle in die Wesenitz?! Der Tourismus wird dadurch auch nicht gefördert, wenn es wieder auf der Burg dauerhaft stinkt!!!

„Ich habe es zu DDR Zeiten miterleben müssen und es stank zum Himmel. Wo sind die restlichen Stolpner?“

„Bin gegen Massentierhaltung. Wohne in unmittelbarer Nähe. Gülleaktion Anfang April nicht vertretbar“

„Ich wohne in der Nähe. Geruchsbelästigung. Das Tierwohl ist nicht gegeben. Verschmutzung des Grundwassers. Die neuen Straßen gehen kaputt. Das Image der Stadt leidet. Usw.“

Der Investor will die bestehende Schweinemastanlage sanieren und mit einer modernen Abluftreinigungsanlage ausrüsten. Der bisherige durchschnittliche Bestand der Anlage betrug bis zu 3000 Tiere. Die bestehende Betriebsgenehmigung erlaubt die Haltung von bis zu 4488 Tieren. Seitens des Investors ist eine Erweiterung der Anlage auf bis zu 18.232 Tieren vorgesehen.

(Quelle):  https://s3.kleine-anfragen.de/ka-prod/sn/6/15435.pdf

Daraus resultieren nachfolgende Fragestellungen:

  1. Wie effizient sind moderne Abluftreinigungsanlagen für Tierproduktionsanlagen?
  2. Wie wirkt sich die Vervielfachung der Kapazität auf die Geruchsemissionen aus?
  3. Wie aufwendig ist der Betrieb dieser Anlagen und kann ein Betrieb der Anlage auch dauerhaft wirtschaftlich realisierbar aufrechterhalten werden?

Nachfolgend ein Versuch diese Fragen zu beantworten:

1. Wie effizient sind moderne Abluftreinigungsanlagen für Tierproduktionsanlagen?

Die Erkenntnisse hierzu sind ernüchternd. Untersuchung des bayrischen Landesamts für Landwirtschaft  zeigen, dass eingesetzte Abluftreinigungsanlagen nicht effizient arbeiten (Quelle: https://www.lfl.bayern.de/ilt/umwelttechnik/emissionen/133648/index.php). Die Bandbreite an technischen Lösungen ist sehr vielseitig. Einfache einstufige Anlagen werden als „bedingt geeignet“ bewertet, dreistufige Anlagen bestehend aus Wasserfilter, Chemofilter und Biofilter werden als „sehr gut geeignet“ beschrieben. Dennoch können selbst sehr gute technische Lösungen bestenfalls eine Emissionsminderung erreichen.

Begründet liegt das darin, dass die Abluftreinigungsanlagen in der Tierhaltung bislang nicht als Stand der Technik galten. Die gesetzlichen Vorgaben haben Nachholbedarf. So sind „in vier Bundesländern sog. Filtererlasse in Kraft getreten, die für große Schweineställe den Einbau einer Abluftreinigungsanlage zwingend fordern“. Sachsen gehört nicht dazu! Die Anforderungen zur Luftreinhaltung in Sachsen sind weniger streng als in anderen Bundesländern.

2. Wie wirkt sich die Vervielfachung der Kapazität auf die Geruchsemissionen aus?

Die Antwort darauf ist so einfach wie einleuchtend. Je mehr Tiere, desto mehr Gestank! Selbst wenn moderne Abluftanlagen eine Emissionsminderung erzielen können, ist durch eine Vervielfachung der Tieranzahl mit einer „Vervielfachung“ des Gestankes  zu rechnen.

3. Wie aufwendig ist der Betrieb dieser Anlagen und kann ein Betrieb der Anlage auch dauerhaft wirtschaftlich realisierbar aufrechterhalten werden?

Laut der bayrischen Studie wird der erfolgreiche Betrieb einer solchen Anlage wie folgt eingeschätzt:

Wichtigste „Voraussetzungen für einen erfolgreichen Betrieb ist die Bereitschaft des Betreibers, die Anlage bestimmungsgemäß zu pflegen und zu kontrollieren.“

„Der  Einbau  muss  auf  die  Lüftungsanlage  abgestimmt  sein,  ein  nachträglicher  Einbau  ist  z.T.  nicht  möglich oder mit nicht vertretbarem Aufwand verbunden. In Abhängigkeit der Bestandsgröße und der verwendeten Technik tragen neben den teils hohen Investitionskosten auch die Betriebskosten einen wesentlichen Anteil an der finanziellen Zusatzbelastung. Aktuelle Kosten-schätzungen  des  KTBL  gehen  z.B.  für  Rieselbettreaktoren  von  Gesamtkosten  zwischen  6,54    und  10,21  Euro  (für  2.000  bzw.  500 Mastplätze) pro produziertem Mastschwein aus.“

Im Gespräch mit dem Investor am 06.03.2019 hat dieser mitgeteilt, dass die Marge für ein Ferkel je nach „produzierter Menge“ zwischen 10-20 €/Tier liegt (Angabe Gedächtnisprotokoll).

Fazit:

Der Investor plant den Einbau von Abluftreinigungsanlagen in die Ställe der ehemaligen Schweinemastanlage. Welche technische Variante dabei zum Einsatz kommen soll ist nicht bekannt. Die technische Bandbreite der Anlagen reicht von einstufigen Filteranlagen (geringe Investitionskosten) bis hin zu dreistufigen Filteranlagen (hohe Investitionskosten). Aktuelle Untersuchungen des bayrischen Landesamts für Landwirtschaft zeigen, dass diese nicht effizient arbeiten und bestenfalls eine einfache Emissionsminderung zu erreichen ist.

Die Betriebskosten der Anlage steigen mit der Komplexität der eingesetzten Anlagentechnik. Je besser, desto teurer im Betrieb. Bedingung für einen bestimmungsgemäßen Betrieb ist stets die Bereitschaft des Betreibers zu fachgerechter und aufwendiger Wartung/Instandhaltung. Dennoch können selbst sehr gute technische Lösungen bestenfalls eine Emissionsminderung erreichen.

Gesetzlichen Anforderungen zum Einbau einer solchen Luftreinigungsanlage in Bestandsanlagen in Sachsen existieren nicht. Im Falle einer Erweiterung, erfolgt eine Neubetrachtung der zulässigen Emissionsgrenzwerte, da dies außerhalb des Bestandsschutzes liegt. Eine Erweiterung der Anlage bringt jedoch eine Vervielfachung der Tiere und der damit verbundenen verstärkten Geruchsemissionen mit sich.

Im Hinblick auf den wirtschaftlichen Betrieb der Anlage und einer Gewinnerzielungsabsicht des Unternehmers ist es fraglich, ob ein bestimmungsgemäßer Einsatz einer solchen Anlage dauerhaft gewährleistet werden kann und im Interesse des Betreibers ist. Der Einbau der Abluftfilter in die bestehende Anlage verfolgt vermutlich dem Ziel einer umfangreichen Erweiterung, da aktuell keine Pflicht dazu besteht. Sekundäres Ziel oder auch netter Nebeneffekt ist die Argumentation des Investors als Beruhigungsmaßnahme gegenüber besorgten Anwohner,  welche er konsequent in der Argumentation bzw. offenen Drohung zu nutzen sucht.

Sicher ist in jedem Fall, dass es nach Wiederinbetriebnahme der Anlage innerhalb der jetzigen Betriebserlaubnis wieder zu starken Geruchsemissionen kommen wird und im Falle einer Erweiterung der Anlage von einer Vervielfachung der Geruchsemissionen auszugehen ist.

(Quelle: https://www.lfl.bayern.de/ilt/umwelttechnik/emissionen/133648/index.php)
(Quelle: https://www.lfl.bayern.de/ilt/umwelttechnik/emissionen/133648/index.php)

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